Das Chaos und die Kreativität

Die Legende, dass die kreativen Köpfe unter uns gerne mal die unübersichtlichsten Schreibtische, Zimmer und Wohnungen haben, kursiert schon länger. Aber wenn wir mal ehrlich sind, sagen wir all diesen Menschen neben einem fehlenden Ordnungssinn doch auch ein gewisses Charisma nach. Die Liste an Beispielen ist lang: Magnus Carlson, der mit unkalkulierbaren Zügen regelmäßig Schachweltmeister wird. Oder Thomas Müller, der mit seinen ungewöhnlichen Laufwegen viele Abwehrreihen überfordert. Oder unzählige zerstreute Professoren, die Genies in ihren Fachgebieten sind.

Eine neue Studie der Universität von Minnesota bestätigt nun die Vorurteile, dass ein gesundes Maß an Unordnung – auch auf dem Schreibtisch – die Kreativität fördert – und zwar gewaltig. Inwiefern sich Ordnung in den eigenen vier Wänden auszahlt, zeigt das Ergebnis der Studie: Die Arbeit an einem ordentlichen Schreibtisch fördert soziale Kompetenzen und einen gesunden Lebensstil. Die Kandidaten wurden direkt nach dem Experiment in einen ordentlichen Raum vor die Wahl gestellt: Apfel oder Schokoriegel. Die Antwort der meisten Kandidaten war tatsächlich der gesunde Apfel. In Zahlen heißt das, dass 67 Prozent in aufgeräumter Umgebung die gesunde Alternative wählten – dagegen waren es im unordentlichen Raum nur 20 Prozent. Die nächste Aufgabe jedoch stellte die Kreativität der Teilnehmer auf die Probe. Sie lautete, neue innovative Ideen zu finden, wie man einen Ping-Pong Schläger benutzen kann. Das Ergebnis: Die Ideen der Kandidaten im chaotischen Raum wurden als besser und deutlich kreativer eingestuft.

Immerhin wusste schon Albert Einstein: “If a cluttered desk is a sign of a cluttered mind, then what are we to think of an empty desk?”

Die neue Studie sollte aber nicht als wissenschaftliche Ausrede für das komplette Chaos auf dem Schreibtisch herhalten. Denn wir sind viel seltener kreativ, als wir denken. Selbst Kreative müssen mal Rechnungen schreiben, eine To-do-Liste planen oder den Rahmen für ihre kreative Aufgabe abstecken. Das sind oft analytische Jobs. Dinge, die erledigt werden müssen. Chaos lenkt uns bei solchen Aufgaben nur ab. Jeder Arbeitsplatz sollte unseren eigenen Bedürfnissen entsprechen. Und die sind – auch für uns selbst – manchmal gar nicht so offensichtlich. Die entscheidende Frage lautet daher: Welche Funktion, welche Auswirkungen hat das Chaos?

Hier ein paar beispielhafte Antwortmöglichkeiten.

  • Es inspiriert mich.
  • Es motiviert mich.
  • Es ist eine gute Entschuldigung, um nicht aufräumen zu müssen.
  • Es spart dir Zeit, weil ich Dinge nicht sortieren muss, die ich vielleicht nochmal brauche.
  • Es kostet Zeit, weil ich oft etwas suchen muss.

Um die richtige Antwort für jeden einzelnen herauszufinden, hilft nur es auszuprobieren und einmal kräftig durchzusortieren. Als ich von Chaos auf Ordnung umgestellt habe, hatte ich eine große Papierkiste. Da wanderte alles hinein, was ich nicht akut brauchte, vielleicht aber irgendwann mal. Alles unnötige wanderte in den Mülleimer. Nach einer halben Stunde hatte ich einen sauberen Arbeitsplatz. Und: Ich habe diese Papierkiste nie wieder angefasst.

Viel zu oft betrügen wir uns selbst. Wir heben Dinge – griffbereit – auf, weil wir denken, sie könnten noch einmal wichtig werden. Alte Fach-Magazine. Notizen aus Telefongesprächen. Visitenkarten von der letzten Konferenz. Doch wenn viel Zeug griffbereit herumliegt, ist irgendwann gar nichts mehr griffbereit. Egal ob das Chaos die Kreativität fördert!

Der wichtigste Ratschlag, den ich zur Gestaltung eines Arbeitsplatzes je bekommen habe, stammt übrigens von dem amerikanischen Management-Forscher Stephen Colarelli. „Gestalte deinen Arbeitsplatz selbst“, sagte er. Ich würde das ergänzen um: Gestalte deinen Arbeitsplatz so, wie es wirklich gut für dich ist. Und was wirklich gut für dich ist, das ist möglicherweise weniger offensichtlich, als du denkst. Und eine Phase des Experimentierens wert.

Viel Spaß beim kreativen Ausprobieren

Axel Hamann

www.best-practice-institute.com

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