Loevinger´s Konzept zur „Ich-Entwicklung“ – Teil 2

Stellen Sie sich vor, Sie würden in einer Welt leben, in der Sie sich frei entwickeln können. In einer Gesellschaft, in der Selbstverwirklichung einen höheren Stellenwert hat als Produktivität. In der Sie weniger arbeiten und dafür Ihren Sehnsüchten nachgehen. Es gibt Anzeichen, dass sich unsere Gesellschaft fundamental weiterentwickelt. Genauer gesagt: dass sich viele Menschen fundamental weiterentwickeln. Viele Psychologen glauben, dass in der gezielten Entwicklung des Ichs, in einem Stufen-Modell nach Jane Loevinger erklärbar ist

Hier eine kurze Erklärung zu den einzelnen Stufen des Konzepts der „Ich-Entwicklung“:

Stufe 1: Die vorsoziale Stufe

Säuglinge nehmen die vorsoziale Stufe ein. Sie können nicht zwischen sich und der Welt, in der sie leben, unterscheiden. Aus diesem Grund hat sich in dieser ersten Stufe auch noch kein Ego herausgebildet, dass das Selbst und den Rest trennbar macht. Im Zentrum des Daseins steht die Befriedigung der Grundbedürfnisse.

Stufe 2: Die impulsive Stufe

(Klein-)Kinder nehmen die impulsive zweite Stufe ein. Das Weltbild ist egozentrisch und auf die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse ausgerichtet.

Stufe 3: Die selbstschützende Stufe

Ab der dritten Stufe verschwimmen die Grenzen zwischen Kindern und Erwachsenen. Circa 5% der Erwachsenen kommen nicht über die impulsive Stufe hinaus, die geprägt ist von der Suche nach dem eigenen Vorteil und opportunistischem Verhalten. Die Mitmenschen werden ausschließlich als Mittel zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse genutzt. Der Zeithorizont, in dem ein selbstschützender Mensch denkt, ist sehr kurz.

Stufe 4: Die gemeinschaftsbestimmte Stufe

Loyales und diplomatisch-vermittelndes Auftreten sind typische Verhaltensmuster für Menschen auf dieser Stufe. Sie sind sehr auf eine Gruppe und ihre Normen und Werte fixiert. Dabei ordnen sie sich dem Willen der Gemeinschaft unter, was zu blindem Gehorsam und zur strikten Ablehnung von Menschen außerhalb der eigenen Gruppe führen kann.

Circa 12% der Erwachsenen und der Vertriebsleiter aus dem Meeting lassen sich dieser Stufe zuordnen. Sie ist geprägt von einem eher kurzfristigen Zeithorizont.

Stufe 5: Die rationalistische Stufe

Menschen auf dieser Stufe sind auf Abgrenzung aus und legen besonderen Wert auf ihre eigenen Besonderheiten und Meinungen. Sie sind Freund von klaren Verhältnissen und haben feste Vorstellungen, wie Dinge laufen sollen. Der Zeithorizont wird etwas größer. Mit 38% stellen die Rationalisten die größte Gruppe. Auch der CFO mit seiner starren Ablehnung des Homeoffice gehört zu dieser Gruppe.

Stufe 6: Die eigenbestimmte Stufe

Diese Gruppe, die 30% der Individuen stellt, ist auf das Erreichen der eigenen Ziele und Selbstoptimierung fixiert. Beziehungen zu den Mitmenschen werden grundsätzlich auf Augenhöhe angestrebt. Die typische Denkweise der Eigenbestimmten ist analytisch, selbstkritisch und hinterfragend. Dabei kann es jedoch zu einem gehetzten Alltag kommen. Der Zeithorizont beträgt fünf bis zehn Jahre. Der analytische und hinterfragende Betriebsratsvorsitzende befindet sich auf dieser Stufe.

Stufe 7: Die relativierende Stufe

Die siebte Stufe erreichen Menschen, die zunehmend mehr Toleranz gegenüber sich und anderen Menschen aufbauen und die, die der Komplexität und Schwierigkeit des Ganzen mehr Rechnung tragen. Auf dieser Stufe wächst das Bewusstsein, dass „wir die Dinge nicht so sehen, wie sie sind – sondern wie wir sind.“ Das hat zur Folge, dass Sichtweisen und Mitmenschen noch stärker hinterfragt werden. Persönliches Wachstum wird wichtiger, als Erfolg, Leistung und Selbstoptimierung. Circa 10% erreichen diese Stufe. Diese Eigenschaften lassen sich dem Einkaufleiter übertragen.

Stufe 8: Die autonome Stufe

Die vorletzte Stufe nach dem Konzept von Jane Loevinger ist geprägt von dem Streben nach Freiheit und der vollständigen Befreiung von jeglichen Anforderungen. Trotzdem wird erkannt, dass die Autonomie Grenzen hat und man (besonders emotional) von anderen abhängig ist. Die Zielerreichung verliert an Bedeutung und stattdessen rückt der Weg zur persönlichen Erfüllung ins Zentrum. Nur sehr wenige Menschen erreichen, diese Stufe.

Stufe 9: Die integrierte Stufe

Sie wird ebenfalls nur von sehr wenigen erreicht, denn wer die neunte Stufe erreicht, hat die volle Selbstverwirklichung erlangt. Es gibt keine festen Werte, Meinungen und Prinzipien mehr, denn Erfahrungen werden laufend neu gedeutet und im Hirn permanent neu verarbeitet. Vor allem können Widersprüche fortlaufend in den Gesamtzusammenhang integriert werden. Es wird Frieden in allen Konflikten geschlossen.

(Stufe 10: Fließend)

Diese Stufe stammt nicht von Jane Loevinger, sondern von mehreren Wissenschaftlern, die sich auf das Modell aufbauend noch auf eine zehnte, die fließende Stufe einigen konnten: Das „Leben im Fluss“. Das Bedürfnis, Menschen, Dinge und Erfahrungen zu bewerten, wird komplett aufgegeben. Es findet eine Verschmelzung mit der Welt statt, es wird nach nichts gegriffen und an nichts festgehalten. Das Denken übersteigt Raum und Zeit.

Auf welcher Stufe befinden Sie sich?

Viel Spaß bei der weiteren Ich-Entwicklung,

Silas Gottwald und Axel Hamann

https://www.best-practice-institute.com

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