Spielerisches Lernen: Mit Gamification machen sogar juristische Themen Spaß

Der Artikel ist in überarbeiteter Form in der Fachzeitschrift „Einkäufer im Markt“ erschienen.

Das Thema Gamification wird immer wieder im Zusammenhang mit spielerischem Lernen und motivationsfördernden Maßnahmen genannt. Aber was versteckt sich hinter dem Begriff?

Übersetzt ergibt sich die Definition von Gamification als eine Nutzungsbibliothek von Spielelementen und Mechanismen im Einsatz außerhalb von Spielen. Kern der Gamification-Idee ist, dass Menschen schon immer gespielt haben und immer spielen werden. Manche Wissenschaftler sehen im Spiel einen einzigartigen Punkt, der uns von Tieren unterscheidet und uns in unserer Entwicklung geholfen hat, Zivilisationen zu gründen und reale Probleme in Simulationen zu erproben. Und das bevor der Ernstfall eintritt. Spielen ist somit eine Art Überlebensstrategie unseres Gehirns. Und wie wir von unseren Kindern wissen, ist es auch einer der besten Wege, neue Dinge zu erlernen.

Wie kann mehr Motivation aus dem Wissen von Spielen gewonnen werden?

Unternehmen haben erkannt, dass Gamification positive Auswirkungen auf die Arbeit hat. Immer mehr Firmen investieren in die Entwicklung und Gestaltung von neuen Arbeitsumgebungen, Internetauftritten und Unternehmensprozessen nach Vorbildern aus Spielen. So ähneln heutzutage Controlling-Dashboards stark Cockpits und Visualisierungen aus Computer-Spielen.

Mitarbeitermotivation am Arbeitsplatz spielt eine erhebliche Rolle – besonders bei monotonen Tätigkeiten. In Call-Centern zum Beispiel werden Kundenkontakte und Serviceangebote immer anspruchsvoller. Der wachsende Druck auf die Call-Center Agents durch ständiges Monitoring und die geringe Entscheidungsfreiheit senkt das Engagement der Mitarbeiter. Gamification hilft, diese Spannungen zu lösen und viel Wissen in kurzer Zeit im Gedächtnis der Mitarbeiter zu verankern.

Unmotivierte Agents sind weniger bereit, die Bedürfnisse anspruchsvoller Kunden zu erfüllen. Laut der Gallup-Studie »Engagement Index Deutschland 2018« kommen auf 100 Beschäftigte 14 Mitarbeiter, die als hoch-unmotiviert gelten. Weiter werden 71 von 100 Mitarbeitern als gering motiviert eingestuft. Die Folge sind Kundenabwanderung und Mitarbeiterfluktuation. Das hat große finanzielle Auswirkungen auf ein Unternehmen. Die volkswirtschaftlichen Kosten aufgrund von innerer Kündigung beliefen sich im Jahr 2018 laut der Gallup-Studie auf eine Summe zwischen 77 und 103 Milliarden Euro. Unternehmen, die auf Gamification-Lösungen spezialisiert sind, haben Spiele ausgearbeitet, die Gamification und Workforce-Optimierung vereinen – eine Kombination für Unternehmen, welche die Produktivität der Mitarbeiter verbessert und messbare Ergebnisse erzielt.

Dabei werden die psychologischen Motivationsquellen und Belohnungsmuster, bekannt aus den Spielen, genutzt, um Mitarbeiter zu fördern. Zur Steigerung der Motivation können extrinsische Anreizträger wie Auszeichnungen, Punkte, Leaderboards oder Geschenke eingesetzt werden. Emotionen und Bedürfnisse wie Liebe, Gruppengefüge, Freude, Freiheit oder auch Angst und Zwang können als Anreizträger für Motivation eingesetzt werden. Diese Anreize werden durch Spielelemente in einen Kontext eingebaut und erlauben so die Verbindung von Emotionen und Tätigkeiten. Gamification kann so einer trockenen Tätigkeit interessante Aspekte hinzugeben und die Motivation steigern.

Bei der Suche nach Unterstützung für umfangreiche Forschungsaufgaben hier noch zwei interessante Einsatzmöglichkeiten von Gamification in der Weltraum- und Krebs-Forschung:

  • http://www.andromedaproject.org/ 
    Helfen Sie dabei Objekte auf NASA-Fotos zu klassifizieren.
  • https://fold.it/portal/ 
    Helfen Sie der Krebsforschung. Spielerisch modellieren Sie Moleküle in einem virtuellen Labor. Hier wurden in wenigen Wochen Krebsforschungsziele mehrerer Jahrzehnte übertroffen.

Wie kann der positive Effekt von Gamification in Seminaren und Trainings eingesetzt werden?

Es erinnert an die Quadratur des Kreises: wie soll es Spaß machen, den Umgang mit trockenem Vertragsrecht und Paragrafen zu erlernen? Einen Vertrag mit juristischen Fallstricken und Kleingedrucktem zu verstehen? Das sind die besten Voraussetzungen, um Gamification-Elemente für ein Seminar einzusetzen. In einem neu entwickelten ganztägigen Lernspiel „Operation Legal“ (OPL) hat BPI versucht, juristische Fachthemen spielerisch und anwendungsorientiert in Lernhäppchen zu verpacken und Dank Gamification, den Teilnehmern die Angst vor den vermeintlich langweiligen juristischen Inhalten zu nehmen.

So lernen die Teilnehmer in einem spielerischen Umfeld die Inhalte eines „Letters of Intends“ zu verhandeln und für Kooperationen kreative Lösungen im internationalen Vertragsrecht zu finden.

„Einerseits ist die Hürde, Einkaufs- und Vertriebs-Teams für Recht zu gewinnen unlängst höher, da es ein Gebiet ist, das nicht zu den Kernaufgaben gehört. Andererseits endet jede erfolgreiche Verhandlung in einem Vertragsverhältnis und das ist nun mal Recht,“ beschreibt Christian Hald, BPI-Trainer und Partner der Kanzlei Reuter, Hald & Partner, die Ausgangssituation.

Die Aufgabe, die hierbei an die Trainer gestellt wird, umfasst nicht nur die reine Wissensvermittlung, sondern verlangt besondere didaktische Anstrengungen, die Berührungsängste zu beseitigen. Das spielerische Herangehen an diese Materie löst hierbei auf wunderbare Weise ein Motivationsproblem. Plötzlich steht nicht Recht und Jura im Vordergrund, sondern ein Spiel, das Spaß macht und das man gerne gewinnen möchte. Heimlich schleicht sich der Lernerfolg ein, ohne dass es als „lernen“ wahrgenommen wird. Die ganztägigen Spiele können dabei für unterschiedlichste Zwecke instrumentalisiert werden:

Es taugt als Indikator dafür festzustellen, wie der Wissenstand bei den Teilnehmern ist, um dann gezielt Wissenslücken im Nachgang zu schulen. Es eignet sich weiter, dass bereits Gelernte zu verfestigen und zu üben.

Mittlerweile gibt es aus der OPx-Reihe ganztägiger Spielsimulationen eine ganze Bandbreite von Varianten. Die beliebteste Simulation ist das Verhandlungsspiel „Operation Negotiation“ (OPN) mit dem häufigsten Zitat von Teilnehmern nach dem Spiel: „Das Schöne am Spiel ist, dass man gar nicht merkt, wie man lernt und sich verbessert.“

Die Teilnehmer werden in ein Einkaufsteam und bis zu drei Vertriebsteams aufgeteilt, die parallel in mindestens drei Runden um Spezifikation, Lieferfristen und Preise verhandeln. Dabei können sie den Tag über Punkte sammeln, in dem sie Aufgaben erfolgreich meistern und aufgrund globaler Ereignisse ihre Verhandlungsstrategie anpassen.

Was können die Teilnehmer im gamifizierten Verhandlungs-Seminar im Vergleich zu einem klassischen Verhandlungstraining schneller lernen?

  • Praxisnahes Einfühlen in die „andere“ Seite des Verhandlungstisches
  • Erarbeitete Strategien und Vorgehensweisen können durch den durchgängigen Spielcharakter direkt in mehreren Verhandlungen erprobt und Lernerkenntnisse sofort umgesetzt werden
  • Voraus-Denken, was die andere Seite für Ziele und Wünsche haben könnte und wie man damit umgehen kann

„Ich muss zugeben: zu Beginn war ich etwas skeptisch. Aber nach kurzer Zeit war das gesamte Einkaufsteam komplett in das Spiel eingetaucht und jeder konnte in einem realistischen Umfeld mit direktem Feedback Verhandlungstaktiken ausprobieren, Neues testen und alte Gewohnheiten hinterfragen“, berichtet Alf Meyer, Senior Vice President Corporate Purchasing der CEWE Stiftung & Co. KGaA.

Wann ist ein ganztägiges Lernspiel sinnvoll?

Die Lernspiele können auch zu themenspezifischen Projekten eingesetzt werden. Operation Negotiation wurde bereits als Sichtungsinstrument für Verhandler eingesetzt, um diese zu Verhandlungsführern für strategische Verhandlungen auszubilden. Im Falle von Operation Legal kann das Spiel eingesetzt werden, um der Belegschaft ein neues Vertragswerk und AGBs spielerisch zu vermitteln. „Wer liest sich schon gerne 20 Seiten Standard-Verträge durch oder quält sich durch zwei Seiten Kleingedrucktes und hat es dann, als Fachfremder, auch noch verstanden? OPL schafft es hier, die Lernziele schmackhaft zu vermitteln“, so Christian Hald. „Mein Ziel ist erreicht, wenn ich wie vor zwei Wochen eine Nachricht eines Teilnehmers erhalte, der mir geschrieben hat: ´Ich hätte gar nicht gedacht, dass Recht so viel Spaß machen kann´.“

Axel Hamann

Best Practice Institute GmbH

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