Welche Rolle kann E-Learning in der Weiterbildung einnehmen?

In diesem Beitrag soll auf die Frage eingegangen werden, welche Position E-Learning neben dem klassischen Präsenzunterricht einnehmen kann oder ob es diesen gar verdrängen könnte. Anders ausgedrückt: Ist E-Learning nur ein kurzeitiger Boom oder ein Lernformat, welches längerfristig das Lernverhalten von Menschen prägen kann?

Roland Berger Strategy Consultants GmbH fand in einer Erhebung heraus, dass im Jahr 2011 Unternehmen weltweit 210 Milliarden Dollar für Weiterbildung ausgaben, 20% davon flossen in E-Learning-Formate. Das zeigt durchaus, welche Bedeutung E-Learning heute hat und man kann davon ausgehen, dass die Ausgaben noch weiter ansteigen werden. Welche Formate sind dabei von Relevanz? In einer Umfrage des MMB-Instituts (2015) wurden 68 E-Learning-Experten befragt, welche Lernformate sie zukünftig für besonders wichtig erachten. Als wichtige E-Learning-Formate nannten die Experten unter anderem Webinare, Apps, Social Networks und Web Based Training. Und es kommen immer wieder neue Formate hinzu, die jetzt aber nicht weiter vertieft werden sollen. Stattdessen ist es sinnvoll, sich über die Praxis des Präsenzunterrichts klarzuwerden. Was läuft dort eigentlich genau ab aus gesellschaftlicher Sicht?

Bereits in der frühen Kindheit ist der Präsenzunterricht ein Teil der Sozialisation. Dies wiederum führt zu bestimmten Gewohnheiten bei den Lernenden und zu Kontrollmechanismen, die die Lehrer nutzen. So ist man z.B. daran gewöhnt, dass die Aufmerksamkeit beim Präsenzunterricht dem Lehrenden gewidmet ist, das wird durch die Sitzordnung deutlich, wodurch der Lehrer eine gewisse Kontrolle gewinnt. Bei reinen Online-Kursen gibt es jedoch keine Sitzordnung und somit keine Kontrollmöglichkeit für den Lehrenden in dem Sinne, dass er weiß, dass die Lernenden auch tatsächlich lernen – man kann jederzeit das Video abbrechen. So zeigt es auch einen gewissen „Biss“, wenn jemand in der Lage ist, 60 Minuten aktiv zu zuhören, auch, wenn dies durch eine Gruppennorm initiiert wird und nicht durch den einzelnen selbst. So hat das Lernen in der Gruppe doch einen gewissen Wert. Man versammelt sich, um gemeinsam zu lernen und beschließt bewusst, die Aufmerksamkeit für die nächste Stunde nur dieser Praxis zu widmen. Diese Praxis beruht auf Normen – „du sollst aufmerksam sein“ und Sanktionen, mit denen der Lehrer für Aufmerksamkeit sorgen kann. Normen sind nur in einer Gruppensituation wirksam, das Online-Lernen setzt sie außer Kraft.

Präsenzunterricht ist immer ergänzt durch Gruppenarbeiten oder Wortmeldungen

Eine weitere Problematik ist die Einbeziehung der Lernenden in die aktuelle Sitzung. So ist Präsenzunterricht immer ergänzt durch Gruppenarbeiten, Kurzvorträge oder Wortmeldungen und natürlich vertiefenden Fragen. Dagegen ist das onlinebasierte Lernen oft ein rein autoritäres Format: Es gibt keine Möglichkeit, sich zu Wort zu melden und einen Gedanken zur Sitzung beizutragen, man kann sich auch nicht kritisch äußern. Man kann vielleicht etwas in ein Forum schreiben, aber während einer Sitzung gibt es in der Regel keine Möglichkeit, sich selbst einzubringen. Dabei ist die Vermittlung von Wissen durch den kommunikativen Austausch eine bewährte Praxis, die in den meisten der E-Learning-Formaten nicht möglich ist. Aber zukünftige Produkte könnten dies möglicherweise verändern.

Das gemeinsame Lernen ist von immenser Bedeutung

Also, revolutioniert E-Learning die Bildungslandschaft? Dies ist fragwürdig, denn das gemeinsame Lernen ist von immenser Bedeutung, da die Menschen diese Form des Lernens verinnerlicht haben. In der Diskussion um E-Learning wird jedoch die soziale Komponente meist vergessen. Soziale Interaktionen, Bestätigung bei Erfolg und Hilfe bei Misserfolgen, das ist nur in der „realen Welt“ effektiv möglich.  Das sich Menschen in Zukunft ausschließlich via E-Learning bilden, ist nicht vorstellbar. Die wenigsten Eltern möchten, dass ihre Kinder den Schulabschluss in E-Learning-Kursen erlangen, anstatt in der Schule.

Zurecht haben die Experten aus der anfangs zitierten Studie des MMB-Instituts auf die Bedeutung von Blended Learning hingewiesen, so gaben 97% der Experten an, dass das Blended Learning die höchste Relevanz für die Zukunft besitzt. Blended Learning ist die Verschmelzung von Präsenzlernen mit E-Learning-Formaten. Demnach sollte E-Learning nur als eine Ergänzung zu bereits bestehenden präsenzbasierten Bildungsangeboten verstanden werden. Zukünftige E-Learning-Angebote sollten den Fokus mehr darauflegen, wie Gruppen diese Techniken nutzen können, um letztlich ein gemeinsames Lernerlebnis zu gestalten, dass mehr Möglichkeiten zur aktiven Partizipation bietet. Sonst wird E-Learning nicht mehr als eine Ergänzung zum bereits bestehenden Präsenzunterricht bleiben.

Julian Fassio

Master-Student der Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

http://www.best-practice-institute.com

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